Ruder-Club Witten von 1892 e.V. Ruder-Club Witten von 1892 e.V.

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1984 Wandern bei Weiburg-Runkel auf dem Lahnhöhenweg


Wandern entlang der Lahn...

Teilnehmer: 8 Ruderkameraden vom Donnerstagstammtisch - Karl Berghoff, Dieter Borgmann, Thomas Blurnberg, Hans Falk, Udo Kemmer, Hans Gerd Kirsch und Gustav Adolf Wüstenfeld.

Wetter: Sonnig und warm. Stimmung: Gut bis sehr gut. Appetit und Durst: Wie immer. Kilometer: 50 zurückgelegt. Besondere Vorkommnisse: Keine. Busfahrer: Okay! Kartenleser: Okayl GesamtzahI der Blasen: Keine Aussagen!

Hinter diesen Tagebuchaufzeichnungen verbergen sich zwei wunderschöne Wandertage.

Man traf sich am Samstagmorgen um 7.30 Uhr am Wittener Hbf. Der Zug sollte mal wieder das bequeme und schnelle Beförderungsmittel zum Ausgangspunkt des Fußmarsches sein.

Doch hier irrte sich der Wanderer Schar! Präsident und Kassierer erschienen nicht, und man fand für soviel Unpünktlichkeit keine Erklärung. Während man noch überlegte, sahen die überraschten Ruderkameraden den RCW-Bus mit quietschenden Bremsen vor dem Bahnhof halten. Kassierer und Präsident winkten die Wartenden heran, und unter lebhaften Kom­mentaren bestieg man den Bus. Underberge wurden überreicht, das Fahrziel bekannt gemacht, Ansichtskarten vom Hotel verteilt, und, während man noch den Sicherheitsgurt befestigte, setzte der Fahrer den Motor in Gang.

Es gehört zur langjährigen Tradition der Stammtischwanderungen, daß das Ziel vorher nicht bekannt gegeben wird. Selbst geschick­ten Fragen weicht der Präsident mit ebenso windigen Antworten aus. Mal muß man auf eine lntercity-Fahrt gefaßt sein, mal soll ein Pferdeschlitten das Reisegefährt sein. Erfahren kann man erst im Zug genaues. Tja über die zurückzulegenden Kilometer kann man vorerst nur spekulieren. Raffinierte Hindernisse wur­den bisher eingeschoben, u. a. Schneetreiben und Eiseskälte in Eisborn; ein ungewöhnlich steiler Berg nach dem Frühstück in Bödefeld; hartes Kegeln im Grafschafter Hof; Regen, nichts als Regen auf der Wanderung nach Obersalway; nach 30 000 m Begrüßung durch den Kurdirektor von Dodenau; der Zug fuhr durch, und man mußte einen Reisebus in Hilchenbach anmieten. Erinnerungen wurden wach, doch die Gegenwart verlangte mehr Aufmerksamkeit.

Zwei Stunden und ein paar Minuten brauchten wir, um über die Sauerlandlinie zum Ausgangs­punkt der Wanderung nach Weilburg zu kom­men. Auf dem Parkplatz des Krankenhauses stellten wir den Bus ab. Nach wenigen Minuten ging es los. Wo sind die Wanderzei­chen? Eifriges Suchen setzte ein. Karte und Kompaß wurden hervorgeholt, die Richtung eingenordet. Ein paar hundert Meter die Landstraße entlang, über einen Wirtschaftsweg an der Jugendherberge vorbei. Doch dann „halt“. Karten- und Wegezeichenvergleich - nichts stimmte. Man diskutierte oder schwieg. Kartenleser vorn Dienst und Assistent hatten zu tun. Ein Ergebnis wurde kundgetan - weiter. Noch „verfolgte“ uns die Jugendherberge auf der anderen Talseite. Am Ortseingang von Odersbach - stopp. Das Wanderzeichen „L“ war nicht zu finden. Eine Gruppe einheimischer Apfelpflücker konnte keine weiterführende Auskunft geben. Während Kartenträger, Kompaßhalter und Wandervolk wieder über den zugehenden Weg berieten sammelte Cherry Fallobst ein und ließ es in seinem unergründli­chen Rucksack verschwinden. Tom und Dieter probierten die Äpfel - aber sie schmeckten nicht. Eine vorbeiziehende Kuhherde drängte die Wittener ins nasse Gras, doch dann ging es weiter.

Endlich fanden wir den Einstieg mit dem „L“. Ein in bunten Farben leuchtender Herbstwald nahm die Wanderer auf. Der Weg führte in südlicher Richtung, und der Ausblick ins Lahntal wechselte ständig. Mit gutem Wanderschritt ging es vorwärts. Mal wurde viel geredet, ein Witz reizte die Lachmuskeln -dann wurde es wieder still, und man achtete nur auf den Weg.

Die Spitze wechselte, mal führte der Hans, dann der Karl, bald darauf der Udo. Es gibt da keine feste Regel. Mancher verliert am Berg an Geschwindigkeit - bergab geht‘s wieder bes­ser. Doch wichtig ist, die Gruppe bleibt zusam­men. Vor Falkenbach errechen wir das Lahntal und überlegen: Wird eingekehrt oder weitergelaufen? Es wurde weitergelaufen! Steil ging es bergan, umgestürzte Tannen versperrten den Weg, man mußte darüber klettern oder einen Umweg machen. Man kletterte! Das „L“ war zur Zeit gut sichtbar, umso schlechter wurde der Pfad. Profilsohlen und wasserdichte Schuhe waren jetzt angebracht. Einen Schritt vorwärts, einen halben rutschte man zurück. Der Waldboden war naß und glitschig. Schweißtropfen perlten über die Stirn, und der Rücken war ohnehin naß. Doch das trocknet wieder. Ein, zwei Meter - die Landstraße war erreicht. Nach 500 Schritten über eine Hoch­ebene verspürten wir Hunger und Durst. Eine kurze Rast wurde notwendig. - Die ganz schnellen Wanderer besetzten eine vorhan­dene Bank, der Rest machte auf dem Feldweg eine Stehpause.

Der Inhalt der Rucksäcke war mit den Lebensmittelabteilungen großer Kaufhäuser zu vergleichen. Käsespezialitäten in großen Stücken, Pumpernickel in Halbpfundpaketen, ‘ne zweipfündige Blutwurst für eine Person, alkohoIische Getränke in konzentrierter Form, Süßigkejten zum Probieren, Schnitzel, Eier, Frikadellen ohne Brot, Würste aus Mett und Milch in Dosen.

Doch bald darauf wanderten wir über die Hochebene weiter. Fasanen flogen auf, und der Wettergott meinte es weiterhin gut. Warum hatten wir heute Schirme und Regenjacken eingepackt? Jedoch eine alte Wander­regel sagt: Denke an Kälte und schlechtes Wetter! Über einen schmalen Pfad ging es im Gänsemarsch voran. Gegen 14 Uhr wurde Aumenau erreicht. Hier gibt die Lahn ihre südliche Richtung auf und fließt vorerst nach Westen. Diesen Wendepunkt benutzten wir zu einer Pause im Gasthaus X. Heiße Suppe gab es nicht mehr, darum mußte Bier den Wasser­verlust wieder ausgleichen.

Nach 30 Minuten wieder Aufbruch, jedoch man wollte einfach sitzen bleiben; das kommt bei den betten Wanderern vor. Die Rucksäcke wurden geschultert, dann warteten sieben Mann auf den letzten, der mußte mal eben. Nach einer Ruhepause sind die ersten Schritte die schwersten. Verspannte Wadenmuskeln müssen in Bewegung gebracht werden, und die Blasen an den Füßen haben sich den Schuhen wieder anzupassen. Der Wanderweg führte durchs Lahntal, um bald darauf wieder an Höhe zu gewinnen. Geklauter Mais wurde probiert, jedoch  war er nicht Jedermanns Geschmack. Frisch aufgeworfene Furchen strapazierten die Beine, und der Lehm blieb an den Schuhen kleben. Hinter einer Waldschneise war das „L“ weg! Wie führt der Weg weiter? Pause! Wir suchten mehrere Wege in Rich-tung Westen ab, kein ‚L“. Ein schmaler bergabführender Wiesenpfad stimmte mit der Karte halbwegs überein. Parallel zur Lahn also weiter. Die Ortschaft Runkel konnte nicht mehr weit sein. Nach einer knappen Stunde hatten wir die Runkelner Lahnbrücke erreicht. Ein kurzer Blick auf die Schleuse, und im gegenüber­liegenden „Gasthaus zur verräucherten Bude“ bekamen wir entsetzliche Atembeschwerden und husteten dabei um die Wette. Nach 30 000 Metern und einem ganzen Tag in fri­scher Luft war das zuviel. Wenig später hatten wir uns aklimatisiert und das Gerstengetränk tat ein übriges.

Von Runkel bis zum Hotel in Offheim betrug die Entfernung acht Kilometer, doch die sollten mit zwei Taxis überwunden werden.
Die Zimmerverteilung im Hotel „Zum Lord“ war problemlos und gegen 20 Uhr traf man sich zum Abendessen. Ein kurzer Fußweg bis zum Restaurant im Gemeinschaftshaus. Wir bestell­ten jugos-lawische Gerichte, reichlich und gut, tranken dazu Bier und Slivovitz aus kleinen Flaschen.

Wecken um sieben, Frühstück um acht -Abmarsch um neun. Das waren die Instruktionen für den Sonntagmorgen.

Pünktlich trafen die bestellten Taxis ein und brachten der Wanderer Schar zum Ortsaus­gang nach Obertiefenbach. Von hier führte die Wanderstrecke 17 nach Weilburg zurück.- Heute brauchte de Gruppe nur 12 600 Meter zu laufen. Die zurückgelegte Entfernung wurde später vom Daumen des Kartenführers bestä­tigt. (Der Chronist erspart dem Leser Einzelhei­ten über diese Wegstrecke.)

Wieder am Bus, beschlossen wir, einen Bummel über das Weilburger Oktoberfest zu machen. Das Ganze war aber nichts für ‚Ruderwanderer“, und so kamen wir auf die Idee, das Schloß zu besichtigen.

Gedacht, gesagt und in die Tat umgesetzt. Für zwei Mark pro Kopf wurde eine Eintrittskarte erstanden. Bis zur Führung mußten wir zusam­men mit anderen Neugierigen in einem kleinen Vorraum warten. Glockenschlag 14 Uhr 30 ging die Tür auf und die Menschenmenge strömte in die Küche. Mit laut-starker Stimme versuchte der Führer seinen Zuhörern „uns unbekanntes Wissen“ verständlich zu machen. „In den Jahren 1535-572 wurden die Häuser erbaut und im 18. Jahrhundert das Schloß erweitert. Stammsitz der Grafen von Nassau, usw. Die Besuchergruppe trottete auf Zuruf weiter. Es folgen wieder begleitende Erklärungen. Deckengewölbe, Wandverkleidungen und Kaminkonstruktionen erregten große Aufmerksamkeit. Das fürstliche Badezimmer war zwar schön; aber eine schlecht laufende Dusche ist besser. Kinderschlitten, Puppenwa­gen und diebstahlgesicherte Wanduhren sowie verschiedene Spieltische im Salon zeig­ten die Wohnkultur vergangener Zeiten. Deckengemälde, Kristalleuchter aus böhmischem Glas und handgefertigte Möbel verstärkten den Eindruck. Zur Schonung der unterschiedlichsten Parkettböden mußten wir große Filzpantoffeln über die Wanderschuhe ziehen. So schlufften Udo, Dieter, Thomas, Hans Gerd, Helmut, Karl, Hans und der Chronist durch die Regierungsräume der früheren Herren von Nassau.

Vor der Rückfahrt stärkten wir uns im Schloßcafe mit Kuchen und Kaffee. Gegen 18 Uhr war der Wan-derer Schar wieder zu Hause. Dank an den Fahrer; denn er mußte zusätzliches leisten. Die Erinnerung an diese Lahn-­Wanderung wird bestimmt über viele Jahre hinweg wach bleiben.

Gustav Adolf Wüstenfeld

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