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Vorbereitung U23-Europameisterschaften in Duisburg

Finn und GoofyBei der am 05. und 06. September in Duisburg stattfindenden U23 Europameisterschaft ist der RCW mit Finn Wolter vertreten. Finn, der erst 2017 mit dem Rudersport begann, wurde schon in der Saison 2019 „Deutscher Jugendmeister im Leichtgewichts-Einer“.
Insider wissen, dass es da mit Oliver Zeidler ein großes Vorbild gibt, der im Alter von 20 Jahren vom Schwimmen zum Rudern wechselte und nach drei Jahren die Weltmeisterschaft im Einer gewann.


In der in diesem Jahr wegen Corona total verkorksten Rudersaison bewarb sich Finn, eher ungeplant, um einen Platz in der U23-Nationalmannschaft, wohl wissend, dass gegen 2-3 Jahre ältere Konkurenten kaum eine Chance besteht.

RCW-Trainer Goofy Ehrig schildert seine Eindrücke über die Zeit der Vorbereitung:


Was unterscheidet eine Leistungsüberprüfung des DRV in Hamburg am 23+24 Juli in Zeiten von Corona von einer uns bekannten R……?
(Vorab eine Mahnung seitens des Hamburger Veranstalters, den Begriff R…… keinesfalls zu erwähnen wegen der Corona-bedingten Auflagen des Ordnungsamtes. Also halten wir uns daran.)

Eine ganze Menge, es gibt nämlich nicht:

  • Kein R……büro, ist ja logisch, wenn es keine R…… gibt
  • Keine Dusche
  • Kein Catering (also Null Verpflegung. Und Null ist absolut gemeint)
  • Keine Schiedsrichter auf dem Wasser
  • Keine Zeitnehmer bei den 500m Marken
  • Keine Streckenreportage, überhaupt keine Lautsprecher
  • Kein Zelten mit Übernachtung
  • Keine Zuschauer
  • Keine Nutzung der sonst üblichen großen Boots- und Zeltwiese

Was gab es dann?:

  • Maskenpflicht im Haus
  • Je 2 Trainer im Motorboot als Schiedsrichter, umschichtig rekrutiert aus den jeweils beteiligten Vereinen
  • Starter, Seitenrichter und Zielrichter - immerhin
  • Faire Einteilung der Vorläufe und Bahnverteilungen
  • Engagiertes Team des Hamburger AAC (Allgemeiner Alster Club) und OSP (Olympia-Stützpunkt), wenngleich in absoluter Minimalbesetzung wegen der Auflagen
  • Registrierte KFZ-Kennzeichen, die akribisch kontrolliert wurden
  • Fragebogen zur gesundheitlichen Situation
  • Hochklassige spannende Rennen

Vom RCW dabei Finn Wolter, Deutscher Jugendmeister im Leichtgewichts-Einer 2019, der sich nach seinem Titelgewinn im Sommer ausgiebig dem Killen, Surfen und Tralala widmete. Und dann viele Monate sich nicht sicher war, ob er überhaupt und wegen Abitur in 2020 noch leistungssportlich unterwegs sein sollte, um dann gegen 2 - 3 Jahre ältere anzutreten.

Also eher erfolglose Perspektiven. Dennoch hielt Finn sich im Winterhalbjahr allgemein fit und legte dann außer einem leidlich guten Langstreckentest, Anfang Februar, auch eine ebenso leidlich gute Ergoleistung hin.

Langsam erwachte der Wettkampfgeist trotz des bevorstehenden Abiturs im Hinblick auf eine mögliche Qualifikation zur U23 EM,in Duisburg am 5/6 September.
Dann kam ab März Corona dazwischen und damit alle Motivationen waren im Eimer, aber die Trainingsgruppe war stabil genug, dieses abzufedern.

Das Problem für die Nominierungen stellte sich nunmehr wie folgt dar: die stärksten U23er waren in den letzten Jahren bei der WM, aber die wurde nun gecancelt. Also bewarben sich die Stärksten jetzt auch für die EM. Folglich war die Dichte und Stärke der Konkurrenz höher.

Für die Hamburger Leistungsüberprüfung konnte man nicht einfach melden, vielmehr wurden einzelne Sportler vom DRV eingeladen, aufgrund der Ergometer-Tests zwei Wochen vorher an zertifizierten Zentren.

Für die Nationalmannschaft braucht man acht Leute für Vierer, Zweier, Einer und Ersatz. 19 wurden eingeladen, Finn wurde auf 9 gesetzt aufgrund seiner Ergoleistung. Im Vorlauf hatte er es dann mit dem 3. und 4. der Ergoliste zu tun und mit einem weiteren Ruderer der starken Hamburger Trainingsgruppe.
Die jeweils ersten beiden kamen ins A-Finale und damit zur Nationalmannschaft.

Mission impossible, ein typisches Vorrennen nach dem Motto: „Du hast keine Chance, ergreife sie!“ Und genauso liefen die ersten 1000m des Vorlaufes. Ich saß mit dem Trainer des 3. der Ergoliste im Motorboot und spielte Schiedsrichter. Wir Trainer kennen und schätzen uns seit 1990 bei der WM in Tasmanien, haben stets zusammengearbeitet und so blühte der Flachs.

Die Ergokönige ruderten vom Start vorneweg, der zweite Hamburger eine Länge vor Finn, der den 4. Platz hielt. Quälende 1100m lang tat sich nichts. Dann ließ der eine Hamburger etwas die Flügel hängen. Bei 1200m meinte mein Trainerkollege in seiner bekannt trockenen Art: „Wenn dein Junge so weiter macht, haut der den weg.“ (er meinte damit den Hamburger auf dem aktuell 2. Platz).

Bei 1300m eierte besagter Gegner etwas herum in den leichten Seitenwellen, die aus der Bucht kamen. Ich diagnostizierte Konzentrationsschwäche aufgrund nachlassender Kräfte. Bei 1400m machte es ‚Klong‘ und er berührte eine Boje und Finn ruderte das Ding souverän nach Hause bzw nach Duisburg.

Normalerweise hätten wir Trainer uns jetzt nach dem Rennen an den Bierstand gestellt und den Tag feucht-fröhlich ausklingen lassen: Mission erfüllt, beide Sportler nominiert, egal was noch kommt. Aber der aufmerksame Leser wird anfangs registriert haben, dass es Null Catering gab. Also weiterarbeiten.

Finn haute wenige Stunden später tierisch im Endspurt einen raus und verpasste nur um 1,2 sec den Sieg. Übrigens hinter dem mit deutlichem Abstand Besten beim Ergotest. Macht nichts, der jüngste im Feld hat sich sicher qualifiziert, unter den Bedingungen bei der Konkurrenz eine ganz besondere Leistung!

PS: Finn war aufgrund seiner Vorlaufleistung sicher für den Vierer gesetzt und trainiert in Rheinfelden am Rhein und ab dem 27.8. zusammen mit der gesamten Nationalmannschaft in Essen auf dem Baldeneysee (wo sonst?) und wechselt am 3.9. nach Duisburg. Dort findet am Samstag, den 5.9., das Bahnverteilungsrennen statt und am Sonntag um 12,50 das Finale.

Zuschauer sind nicht zugelassen. Na ja, das gilt aber nur für die Tribüne und das Vorfeld und die Bootslager. Aber wer schon immer mal einen kleinen Spaziergang oder Radeln um die Wedau machen wollte… allerdings immer nur bis 1800m, dann ist Ende im Gelände. Hinterm Ziel am Zaun kann, man aber auch schaun. Wir sind gespannt.

Ich fürchte, näher als in Duisburg werden wir indiesem Jahrzehnt keine FISA-Meisterschaft mehr erleben.

Soweit die eindrucksvolle Schilderung des Trainers Joachim Ehrig, besser bekannt als Goofy.

Für den Start bei der EM wünschen alle RCW-Mitglieder Finn und seinem Trainer alles Gute und viel Erfolg.

Horst Noll